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von Dr. Carlos Watzka

Das vor kurzem erschienene Werk ist das Resultat eines Forschungsprojekts, welches der Autor im Auftrag der Steiermärkischen Landesregierung und in Kooperation mit der Steirischen Psychiatriekoordinationsstelle durchführte. Ausgangsproblem war die Feststellung, dass die Steiermark seit Jahrzehnten eine im Vergleich zu den anderen österreichischen Bundesländern signifikant erhöhte Rate von Selbsttötungen aufweist. Den Ursachen hierfür wurde in Zusammenarbeit mit öffentlichen Institutionen nachgegangen, welche unentbehrliche Datengrundlagen bereitstellten. Hierzu zählten neben der Statistik Austria und der Fachabteilung für Landesstatistik der Landesregierung die steirischen Polizeibehörden sowie Institutionen des Sozialversicherungswesens. Informationen über soziale, psychische und somatische Merkmale von über 1400 Suiziden in der Steiermark der Jahre 2000 bis 2004 wurden in anonymisierter, aber Einzelfall-bezogener Weise ausgewertet.

Neben diesem Untersuchungsteil, dessen Ergebnisse insbesondere für präventive Zwecke von erheblicher Bedeutung sein könnten, befasste sich ein zweiter mit der damit verbundenen, aus soziologischer Sicht ebenfalls höchst relevanten Fragestellung, wie das Zustandekommen differenter kollektiver Suizidraten innerhalb einer relativ kleinen Gesellschaft wie der österreichischen erklärt werden kann. Grundlegend war hierbei zunächst die Ermittlung der regionalspezifischen Suizidraten: Die (nicht altersstandardisierten) Raten von Selbsttötungen in den Jahren 2001-04 nach Bezirken sind in folgender Karte abgebildet.

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Für die weitere Analyse wurden die bezirksweisen Suiziddaten mit anderen, vornehmlich sozialstrukturellen Aggregatdaten in Beziehung gesetzt, aber auch mit Daten zur medizinischen Versorgung und mit ökologischen Parametern. Hieraus resultierte ein Regressionsmodell, welches immerhin etwa 32 % der Streuung der regionalen Suizidraten auf die Schwankungen der Ausprägungen von einigen wenigen unabhängigen Variablen zurückführen kann.

Es resultierte hierbei, dass in Regionen mit höherer durchschnittlicher Bildung, mit höheren Einkommen, mit höheren Anteilen vom im Dienstleistungsbereich Beschäftigten, mit größeren Wohnungen und mit dichterem Netz an Angeboten für Menschen mit psychischen Problemen deutlich weniger Menschen Suizid begehen, als in Regionen, die diesbezüglich ungünstigere Verteilungen aufweisen. Für die soeben genannten Faktoren wurde dies zwar noch nicht in einem derartigen multivariaten Modell nachgewiesen, entspricht aber durchaus dem Erwarteten. Überraschender ist, dass auch Parameter wie Bevölkerungsentwicklung oder Waldanteil selbst bei multifaktorieller Analyse eine Rolle spielen. Hier ist aber sicherlich von einem anderen Status in Hinblick auf die kausale Verknüpfung mit der Suizidrate auszugehen, als bei den vorgenannten Faktoren. Für den ebenfalls relevanten Parameter „Ausländeranteil“ schließlich ist die Richtung des festgestellten Zusammenhangs bemerkenswert: Bezirke mit höheren Anteilen von Bewohnern ausländischer Herkunft haben nicht etwa höhere, sondern niedrigere Suizidraten.

Die hier resümierten Untersuchungen auf makrosozialer Ebene erlauben für sich genommen aber noch keine verlässlichen Rückschlüsse auf die individuelle Ebene. Um hier zu eindeutigen Ergebnissen zu gelangen, bedurfte es ergänzend des eingangs schon erwähnten mikrosozialen Untersuchungsteils. Durch Ermittlung der Verteilungen bestimmter Merkmale innerhalb der Kategorie der Suizidenten, und Gegenüberstellung mit den jeweiligen Verteilungen in der Gesamtbevölkerung der Steiermark konnte so nicht nur bestätigt werden, dass Männer weit häufiger Suizide verüben als Frauen, und Menschen im Pensionsalter weit häufiger als jüngere Personen – dies war aus zahlreichen anderen Studien bereits bekannt –, sondern es konnte auch die Existenz von bestimmten Risikogruppen für Suizid nach sozioökonomischen Kriterien nachgewiesen werden: Hierzu zählen Beschäftigungslose und Bezieher sehr niedriger Einkommen ebenso wie gewisse Berufsgruppen, darunter Fabrikarbeiter sowie Land- und Forstwirte, aber auch Manager, Ärzte und Polizisten. Bestätigt wurde auch die große Bedeutung, welche neben psychischen Krankheiten, auch Sucht- und körperliche Erkrankungen sowie anderem Belastungs- und Krisensituationen, etwas Partnerschaftsprobleme, für das Zustandekommen von Selbsttötungen meist zugeschrieben wird. Schließlich erlaubte das Zahlenmaterial auch eine Einschätzung der Bedeutung von „Selbstmorden“ im Todesursachenspektrum überhaupt: Noch in den Jahren 2001-2004 war jeder 50. Todesfall in Österreich ein Suizid. Seither ist die Frequenz von Selbsttötungen etwas zurückgegangen; noch immer aber besteht bei einer Zahl von weit mehr als 1000 Menschen, die jährlich in Österreich absichtlich aus dem Leben scheiden, Anlass genug, Suizidpräventionsprogramme weiter auszubauen. Als ein erfreuliches Anzeichen für eine zunehmende Auseinandersetzung mit diesem gewiss unangenehmen Thema auch bei politisch ausschlaggebenden Instanzen (die letztlich für die Bereitstellung finanzieller Ressourcen verantwortlich sind), mag gelten, dass dem Autor für die vorgestellte Studie, welche zugleich seine Habilitationsschrift darstellt, im September dieses Jahres der ErzherzogJohann-Forschungspreis des Landes Steiermark 2008 zuerkannt wurde.

 

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