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Kurzberichte des Instituts für Suizid-Prävention und -Forschung: Jahrgang 2/Nr. 1 (2010)

 

Analysen zur Suizidstatistik in Österreich 2000-2009

von Dr. Carlos Watzka

logo land steiermark - abteilung 3

Forschungstätigkeit gefördert durch das Land Steiermark!

Einleitung

 

Im Folgenden werden einige grundlegende Informationen und Analysen zum Suizidgeschehen in Österreich im Kalenderjahr 2009 sowie in der Dekade 2000-2009 insgesamt präsentiert und hinsichtlich ihrer sozialwissenschaftlichen sowie praktisch-suizidpräventiven Bedeutung erörtert. Die zugrundeliegenden Daten stammen aus der jährlichen Todesursachenstatistik sowie der Bevölkerungsstatistik der Statistik Austria, die in ihren Grundzügen im Internet unter www.statistik.at frei abrufbar sind.
Die in dieser Übersicht angeführten Zahlen zur "rohen" Suizidrate geben jeweils die Anzahl der Suizide pro 100.000 Personen und Jahr in der betreffenden demographischen Kategorie wieder, wobei die Jahresanfangsbevölkerungen den Referenzwert darstellen; als "Suizidratio" wird der prozentualen Anteil der Suizide an der Gesamtzahl der Todesfälle im betrachteten Zeitraum bezeichnet.

I. Gesamtzahl der Suizide in Österreich in der Dekade 2000-2009

 

Jahr

Anzahl

Suizide

Veränderung

zum Vorjahr

Suizidrate

(roh)

Veränderung

zum Vorjahr

2000

1.586

 

19,8

 

2001

1.489

- 6,1 %

18,5

- 6,6 %

2002

1.551

+ 4,2 %

19,2

+ 3,8 %

2003

1.456

- 6,1 %

18,0

- 6,3 %

2004

1.418

- 2,6 %

17,4

- 3,3 %

2005

1.392

- 1,8 %

17,0

- 2,3 %

2006

1.293

- 7,1 %

15,7

- 7,6 %

2007

1.280

- 1,0 %

15,5

- 1,3 %

2008

1.265

- 1,2 %

15,2

- 1,9 %

2009

1.273

+ 0,6 %

15,2

+ 0,0 %

2000-2009

14.003

---

17,2 (Ds.)

---

 

Datengrundlage: Statistik Austria

Entwicklung der Suizidzahlen und Suizidraten in Österreich 2000-2009 *

1

* Die Zahlenangabe der Statistik Austria für 2009 beinhaltet, abweichend von der bisherigen Zählpraxis, auch eine kleine Zahl von Suiziden, die von in Österreich wohnhaften Personen im Ausland verübt wurden


Wie im Vorangehenden zu ersehen, bestätigt die Einbeziehung der Suiziddaten für 2009 in die mittelfristige Suizidstatistik die Tendenz der Jahre nach 2006, nämlich dass sich der seit den späten 1980er Jahren zu beobachtende Trend einer deutlichen Abnahme der Suizidzahlen in Österreich derzeit nicht weiter fortsetzt.
Während es in den Jahren von 2000 bis 2006 zu einer erheblichen Reduktion der Suizidhäufigkeit kam – von fast 1.600 auf unter 1.300, was eine Verminderung um nahezu 20 % bedeutete, ist seit 2006 nur noch eine minimale Veränderung der absoluten Suizidzahlen, wie auch der Suizidraten zu beobachten; diese bewegen sich für Österreich insgesamt bei ca. 1.260 bis 1.300 vollendeten Suiziden pro Jahr, was bezogen auf die Gesamtbevölkerung einer Suizidrate von 15-16 pro 100.000 Einwohner entspricht. Aufgrund der nunmehr wieder etwas steigenden Einwohnerzahl ergibt sich hierbei in der zweiten Hälfte der Dekade immer noch eine – allerdings nur minimal – fallende Tendenz (von Jahresbeginn 2000 bis Ende 2009 ist ein Anstieg von ca. 8 Mio. auf über 8.375.000 Einwohner zu beobachten). Bemerkenswert ist, dass sich die seit Ende 2008 manifeste Finanz- und Wirtschaftskrise in den gesamtösterreichischen Suizidzahlen des Jahres 2009 offensichtlich nicht in größerem Ausmaß niedergeschlagen hat, was durchaus zu befürchten war. Allerdings sind bekanntlich die potentiellen, negativen Konsequenzen der Krise für die ökonomischen, und damit auch für die psychosozialen Lebenslagen der Bevölkerung bislang erst zu einem – gemessen an den Erwartungen – geringen Teil eingetreten.

Es erscheint derzeit kaum möglich, Aussagen über die künftige Entwicklung der Suizidraten zu treffen. Angesichts eines wahrscheinlich vorliegenden, langfristigen Trends zur Reduktion derselben (mit Beginn in der Mitte der 1980er Jahre) aufgrund von Prozessen kulturellen Wandels sowie von Verbesserungen im medizinischen und psychosozialen Versorgungssystem – möglicherweise auch aufgrund von Kohorteneffekten ("Aussterben" der Generationen, welche den Zweiten Weltkrieg unmittelbar miterlebt haben und dabei vielfach schweren Traumatisierungen ausgesetzt waren) – erscheint mittelfristig ein weiterer Rückgang der Suizidzahlen unter der Voraussetzung sich wieder stabilisierender ökonomischer und gesellschaftlicher Verhältnisse durchaus möglich, insbesondere wenn auch die öffentlichen Anstrengungen im Bereich der Suizidprävention wieder intensiviert werden.

Bei einem krisenhaften Durchschlagen des Beinahe-Zusammenbruchs der deregulierten globalen Finanzmärkte auf die europäischen Realwirtschaften mit Massenarbeitslosigkeit und neuer Massenarmut ist freilich auch eine Trendumkehr hin zu drastisch steigenden Suizidzahlen denkbar – hierauf weist nicht zuletzt ein Blick auf die massive Suizidalität im Österreich der 1930er Jahre hin (2.500-3.000 Suizide jährlich bei einer damals noch weit geringeren Einwohnerzahl von 6,6-6,7 Mio. Menschen).

II. Suizide in Österreich nach Alter und Geschlecht 2009

 

Alter

Männer

Frauen

Gesamt

 

Zahl

Rate

Ratio

Zahl

Rate

Ratio

Zahl

Rate

Ratio

0-9

0

0

0

0

0

0

0

0

0

10-19

33

6,7

17,8

8

1,7

10,5

41

4,3

15,7

20-29

93

17,2

23,4

14

2,6

9,9

107

10,0

19,9

30-39

117

20,1

22,4

25

4,3

9,9

142

12,2

18,3

40-49

166

23,5

10,1

51

7,4

6,3

217

15,5

8,8

50-59

161

30,7

4,8

55

10,2

3,3

216

20,4

4,3

60-69

156

35,3

2,3

68

14,0

1,8

224

24,1

2,1

70-79

123

49,0

1,3

36

11,0

0,5

159

27,5

1,0

80-89

111

100,6

1,0

36

15,1

0,2

147

42,2

0,5

90+

8

85,4

0,3

12

36,3

0,1

20

47,2

0,2

Gesamt

968

23,8

2,6

305

7,1

0,7

1273

15,2

1,6

Wie aus der obenstehenden Tabelle zu ersehen, sind die schon für die 1990er und die letzten Jahre festzustellenden Charakteristika der Epidemiologie der Suizidalität in Österreich, was die beiden grundlegenden demographischen Parameter Geschlecht und Alter betrifft, auch für 2009 zu konstatieren:

Suizide werden weiterhin vorliegend von Männern verübt, der "Gender-Ratio" beträgt für das vergangene Jahr 3,2:1, d.h. auf einen Suizid einer weiblichen Person kommen mehr als drei von männlichen Personen.

 

Das Altersspektrum der Suizidenten dagegen ist, wie schon für die Jahre 2001-2008 [vgl. ISPF 1/1 (2009)] von drei grundlegenden Erscheinungen geprägt:

Zum einen stellt sich das individuelle Risiko, an Suizid zu versterben, als mit zunehmendem Alter deutlich ansteigend dar, sodass die Suizidraten in den Altersklassen ab 70 drei-, vier- oder (im Falle der Personen im Alter von 90 und mehr Jahren) gar etwa fünffach so hoch sind wie jene der 20-29-Jährigen.

Zugleich entfällt jedoch, was die absoluten Zahlen betrifft, der Großteil der letal endenden Suizidhandlungen in Österreich auf die Altersklassen der 40- bis 69-Jährigen, was im Hinblick auf die Suizidprävention von großer Wichtigkeit erscheint. Schließlich zeigt aber eine Betrachtung des Stellenwertes von Suizid im Gesamt des Todesursachenspektrums für die einzelnen Alterskategorien, dass gerade unter den verstorbenen Kindern und Jugendlichen ab 10 sowie unter den Erwachsenen im jüngeren und mittleren Alter Suizid einen erschreckend großen Stellenwert einnimmt: Von den insgesamt etwas mehr als 500 Todesfällen von Menschen zwischen 20 und 29 in Österreich im Jahr 2009 waren mehr als 100, also ein Fünftel, auf absichtliche Selbsttötungen zurückzuführen, und ähnlich stellt sich die Lage auch bei den 30- bis 39-Jährigen dar.

Hierbei erscheint es wichtig, darauf hinzuweisen, dass das Geschlechterverhältnis in diesem Bereich, wie auch bei den Hochbetagten, besonders ungleich ist: Von den 107 Suizidtoten im Alter von 20 bis 29 waren 93 männlichen Geschlechts und 14 weiblich, was einem Verhältnis von 6,6:1 entspricht (!). Auch in der Altersklasse der Kinder und Jugendlichen von 10 bis 19 sind die männlichen Suizidenten mit einem Verhältnis von über 4:1 besonders stark überrepräsentiert.

Bemerkenswerterweise ist das Verhältnis in den mittleren Altersklassen weniger hoch, und erreicht erst bei den über 70-Jährigen wieder eine vergleichbare Differenz. Hier ist allerdings anzumerken, dass wegen der deutlich unterschiedlichen Kohortengrößen zwischen weiblichen und männlichen Senioren in diesem Bereich das Verhältnis der Suizidraten zueinander weit aussagekräftiger ist, als jenes der absoluten Zahlen, da ja aufgrund der niedrigeren Lebenserwartung von Männern die entsprechenden Altersklassen viel größere Zahlen von Frauen beinhalten. Die 111 Suizide von Männern zwischen 80 und 89 in Österreich 2009 entsprechen bezogen auf die 36 Selbsttötungen gleichaltriger Frauen ziemlich genau dem Dreifachen. Bezogen auf die jeweiligen Anteile in der Gesamtbevölkerung ergibt sich aber, dass 80- bis 89-Jährige Männer mit einer Suizidrate von 100 (!) ein gegenüber gleichaltrigen Frauen, für welche eine Suizidrate von 15 zu ermitteln war, ein nahezu 7-faches Suizidrisiko hatten.

Auch diese Beobachtungen entsprechen im Groben den auch für die vergangenen Jahre schon ermittelten Verhältnissen. Ungewöhnlich erscheint dagegen die im Vergleich mit den benachbarten Alterskohorten deutlich niedrigere Suizidrate von Frauen im Alter von 70 bis 79. Ob es sich hierbei um ein nicht bloß von zufälligen Schwankungen geprägtes Phänomen handelt, lässt sich derzeit noch nicht sagen.

2

3

III. Suizide in Österreich nach Bundesländern

Obwohl im Vergleich zu anderen Staaten eher klein an Einwohnerzahl und Fläche, weist die Republik Österreich traditionell sehr heterogene Suizidraten auf, deren Zustandekommen bislang erst teilweise erklärt werden konnte (vgl. Carlos Watzka, Sozialstruktur und Suizid in Österreich, Wiesbaden 2008).

Mit den Zahlen für 2009 ist es nun möglich, eine vollständige Übersicht über die spezifischen Trends der Suizidalität in den österreichischen Bundesländern im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zu geben:

 

Suizidraten in den österreichischen Bundesländern 2000-2009

 

 

2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006

2007

2008

2009

Ds.

Burgenland

16,7

18,4

16,3

15,5

12,6

9,0

13,3

9,6

17,8

13,4

14,3

Kärnten

27,0

23,1

26,4

20,0

22,2

17,7

18,8

15,9

18,7

17,7

20,8

Niederöst.

18,1

18,4

17,3

16,1

16,7

15,9

15,6

13,6

15,5

14,9

16,2

Oberöst.

17,0

17,6

18,7

17,1

16,1

15,6

16,4

16,2

14,6

15,7

16,5

Salzburg

24,9

22,3

19,1

16,6

19,0

18,8

14,5

17,9

17,8

12,9

18,4

Steiermark

23,1

19,5

23,1

24,1

21,5

22,6

21,7

18,5

19,9

19,6

21,4

Tirol

18,8

16,8

19,4

17,5

15,8

16,3

15,8

17,8

12,1

16,0

16,6

Vorarlberg

16,3

15,7

15,3

18,3

16,0

19,2

10,2

13,5

13,4

13,3

15,1

Wien

19,0

17,3

17,4

16,2

15,8

15,4

11,6

13,8

11,3

12,1

15,0

Österreich

19,8

18,5

19,2

18,0

17,4

17,0

15,7

15,5

15,2

15,2

17,1

 

Datengrundlage: Statistik Austria

Wie aus der Tabelle zu ersehen und umseitig auch graphisch dargestellt, lassen sich hinsichtlich der Höhen der Suizidraten und bezogen auf den Anfang des Dezenniums zwei Gruppen von Bundesländern deutlich voneinander abgrenzen, und zwar ein im alpin geprägten geographischen Zentrum und Süden von Österreich situiertes Cluster von besonders stark von Suizidalität betroffenen Regionen einerseits – zu dem Kärnten, Salzburg und die Steiermark zählen – und die restlichen Länder im Norden/Nordosten sowie im Westen Österreichs, also zum einen Wien, Niederösterreich und Oberösterreich sowie das Burgendland, zum anderen Tirol und Vorarlberg. Die Bundesländer der ersten Gruppe wiesen im Jahr 2000 sämtlich deutlich über dem Österreich-Durchschnitt gelegene Suizidraten auf, jene der zweiten Gruppe ausnahmslos unterdurchschnittliche.

Die weitere Entwicklung in den Jahren 2001 bis 2009 verläuft aber, wie die unten stehenden Graphen veranschaulichen, auch innerhalb dieser beiden Gruppen keineswegs homogen:

Suizidraten in Kärnten, Salzburg und Steiermark im Vergleich zum Österreich-Durchschnitt

4

Während die Suizidalität im Land Salzburg innerhalb dieser Dekade von einem Ausgangswert etwa 25 % über dem Österreich-Durchschnitt deutlich absinkt, und diesen in einzelnen Jahren in deren zweiter Hälfte deutlich unterschreitet, sinken die Suizidraten in Kärnten und der Steiermark deutlich langsamer, sodass am Ende des hier betrachteten Zeitraums der prozentuale Abstand zum österreichischen Durchschnitt keineswegs gemindert, sondern im Falle der Steiermark sogar ausgeweitet erscheint. Demgegenüber haben sich die Suizidraten der Bundeshauptstadt Wien, die um 2000 noch nahe am Österreich-Durchschnitt lagen und den Werten in Nieder- und Oberösterreich ähnelten, welche sie sogar etwas überstiegen, nunmehr deutlich abgesenkt, und zwar auf ein Niveau von 11-13, welches ansonsten nur von Vorarlberg und Burgendland (in einem Jahr, 2008, auch von Tirol) erreicht wurde.

Bekanntlich unterscheiden sich die im Bereich der psychosozialen Versorgung im Allgemeinen und der Suizidprävention im Besonderen in den einzelnen Ländern während der letzten Jahre gesetzten Maßnahmen zum Teil beträchtlich, sodass die so unterschiedliche Entwicklung der Suizidraten zumindest teilweise auch als Folge verschieden intensiver Bemühungen zur Suizidverhütung seitens der jeweiligen Landesregierungen und –behörden sowie der regionalen Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens aufzufassen ist. Die für 2000-2009 feststellbaren Abweichungen der rohen Suizidraten in den Bundesländern vom Österreich Durchschnitt seien abschließend tabellarisch zusammengestellt:

Abweichungen der Suizidraten in den Bundesländern vom österreichischen Durchschnitt in %

 

 

2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006

2007

2008

2009

Ds.

Burgenland

-15,9

-0,9

-15,4

-13,5

-27,4

-47,0

-15,4

-37,6

16,9

-11,8

-16,9

Kärnten

36,0

24,4

37,4

11,5

27,6

4,4

19,9

3,0

23,2

16,4

21,0

Niederöst.

-8,4

-0,9

-10,1

-10,2

-4,1

-6,5

-0,2

-12,0

1,7

-2,0

-5,5

Oberöst.

-14,3

-4,8

-2,6

-5,0

-7,3

-7,9

4,4

5,1

-3,7

3,3

-3,7

Salzburg

25,7

20,4

-0,5

-7,5

9,4

10,5

-7,6

15,6

17,2

-15,1

7,2

Steiermark

16,5

5,3

20,3

34,3

23,3

32,9

38,2

20,0

31,0

28,9

24,6

Tirol

-5,0

-9,5

0,8

-2,6

-9,3

-4,2

1,1

15,1

-20,2

5,3

-3,0

Vorarlberg

-17,7

-15,5

-20,4

2,0

-8,3

12,9

-34,9

-13,0

-11,9

-12,5

-11,9

Wien

-4,1

-6,7

-9,3

-9,9

-9,1

-9,1

-25,8

-10,4

-25,8

-20,4

-12,5

Impressum:

Medieninhaber/Herausgeber: Mag. Josef Missethon, Dr. Carlos Watzka, Institut für Suizidprävention und -Forschung,

Peinlichgasse 14, 8010 Graz

Blattlinie: Informationsangebot zu den Tätigkeiten des Instituts für Suizidprävention und -Forschung

Verantwortlicher Redakteur: Dr. Carlos Watzka ( Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. )

Erscheinungsweise: mehrmals jährlich


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